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Charlotte Fiedler geht seit 104 Jahren täglich in den Gottesdienst
Dienstag, 25 August 2015 | Autor: Lena Reiher

"Die einen geben ihr Geld in der Kneipe aus, ich meines für das Taxi zum Gottesdienst"

Image Charlotte Fiedler geht seit 104 Jahren täglich in den Gottesdienst

Am Wochenende und von dienstags bis donnerstags besucht sie ihn in ihrer Heimatgemeinde St. Bonifatius am Berliner Ring, montags und freitags lässt sie sich von einem Taxi in den Paderborner Dom fahren - vom täglichen Gang in den Gottesdienst kann Charlotte Fiedler niemand abhalten. "Die einen geben ihr Geld in der Kneipe aus, ich meines für das Taxi zum Gottesdienst", sagt die 104-Jährige mit einem Schmunzeln.

Charlotte Fiedler ist eine der ältesten Paderbornerinnen und das älteste Mitglied des Bonifatiuswerkes. Seit sie denken kann, sei sie schon Mitglied. Durchaus vorstellbar, dass ihre Eltern sie direkt nach ihrer Geburt 1911 in Posen, im heutigen Polen, angemeldet haben. "Meine gesamte Familie war schon immer Mitglied im Bonifatiuswerk, meine Eltern sowie meine 10 Geschwister", erzählt sie. Von den sechs Jungen und fünf Mädchen ist sie genau die Mittlere, die Sechste. "Drei meiner Geschwister sind allerdings schon im Säuglingsalter gestorben, zwei meiner Brüder im Zweiten Weltkrieg gefallen", berichtet sie und zeigt auf ein altes, gerahmtes Schwarz-Weiß Foto an der Wand, das ihre Familie zeigt.

Eine eigene Familie hat sie nicht, verheiratet war sie nie. Ihr gesamtes Leben hat sie ihrem Glauben gewidmet. Mit 16 Jahren ging sie zu den Steyler Missionsschwestern, doch war sie nicht gesund genug, um die Ausbildung abzuschließen. "Danach habe ich mich in Stenographie und zur Schreibmaschinen-Lehrerin ausbilden lassen. Das war eine gute Entscheidung, denn so habe ich stets eine gute Anstellung finden können, etwa im Vorzimmer wichtiger Direktoren", sagt Fiedler. Doch für die Frühmesse morgens um sechs Uhr musste Zeit bleiben. Sie habe sich stets aus eigenem Antrieb auf den Weg zum Gottesdienst gemacht, egal, ob sie danach noch in die Schule ging oder später ins Büro.

"Ich habe nie im öffentlichen Kirchendienst gearbeitet, denn Frauen durften zu der Zeit nicht lehren, doch ehrenamtlich war ich immer aktiv. Allerdings hat meine Arbeit nicht allen gefallen. Die NSDAP hat mich sogar einmal strafversetzt, weil ich während der Arbeitszeit einen Gottesdienst besucht habe", erklärt sie. Daraufhin wurde sie von dem zuständigen NSDAP-Dezernenten vorgeladen. Er habe von ihr verlangt in die nationalsozialistische Partei einzutreten. "Da hätte ich ihm beinahe einen Vogel gezeigt", lacht Fiedler. "Daher war es gut, dass der Krieg 1945 zu Ende gegangen ist, denn ich war alles andere als linientreu. Irgendwann hätten sie mir sonst aus meinem Engagement einen Strick gedreht", prognostiziert sie und fährt sich dabei mit dem Finger über die Kehle.

Äußerlich sieht man ihr die immense Lebenserfahrung nicht an. Würde sie sagen, sie wäre 80 Jahre alt, man würde es ihr ohne Nachzufragen glauben. Stets die Ruhe zu bewahren, sei ihr Geheimnis, mit dem man es schaffen würde 104 Jahre alt zu werden: "Ich glaube, der liebe Gott will mich einfach noch nicht da oben bei sich haben."

Heute lebt Charlotte Fiedler am Rande Paderborns in einer gemütlichen Drei-Zimmer Wohnung. "Mit dem Rollator benötige ich von hier nur fünf Minuten bis zum Gottesdienst", freut sich die 104-Jährige, die in einem türkisfarbenen Kostüm mit weißer Bluse am Esstisch ihres kleinen Wohnzimmers sitzt. Bis auf eine goldene Armbanduhr trägt sie keinen Schmuck. Dafür zieren ihre beige tapezierten Wände Bilder von heiligen Ikonen und aufwändig verzierten Kreuzen. Dass Charlotte Fiedler einen tiefen Glauben besitzt, wird nicht erst im Innern der Wohnung deutlich, sondern schon, bevor man ihre Wohnung betritt. An der Wohnungstür hängen die Inschriften der Sternsinger der letzten Jahre, der älteste ist von 2010. Es ist ihr zu wünschen, dass noch viele weitere dazu kommen.

FOTO: Lena Reiher

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“Eine Maschine kann die Arbeit von fünfzig gewöhnlichen Menschen leisten, aber sie kann nicht einen einzigen außergewöhnlichen ersetzen.”

Elbert Hubbard, amerik. Schriftsteller, 1856-1915

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