Die andere Seite von ADHS
Montag, 18 September 2006 | Autor: BLiCKpunkt Redaktionsbüro
Einfach nur verträumt?
Die 10jährige Saskia ist eine kleine Träumerin. Oft sitzt sie einfach nur da und starrt gedankenverloren aus dem Fenster, ständig vergisst sie etwas, scheint selten richtig zuzuhören. Im Alltag und in der Schule kam Saskia bisher gut zurecht. In den letzten Monaten haben die schulischen Leistungen des ruhigen Mädchens jedoch rapide abgenommen, worunter auch ihr Selbstbewusstsein leidet. Von Eltern und Schulkameraden zieht sie sich immer mehr zurück. Seit kurzem kennen Saskias Eltern den Grund für die Probleme ihrer Tochter: ADHS.
Aber Moment - ist ADHS nicht die Krankheit, bei der die Kinder nicht stillsitzen können und ständig dazwischen reden? Ja und nein: ADHS steht für die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Am auffälligsten und daher auch am bekanntesten ist die Form, bei der die Kinder - zumeist Jungen - immer in Bewegung und kaum zu bändigen sind. Mädchen leiden häufiger an der eher unauffälligen Variante dieser Erkrankung - auch ADS genannt -, die ohne Hyperaktivität einhergeht. Die Kinder gelten als verträumt oder abwesend und vergesslich. An eine behandlungsbedürftige Störung denkt oft zunächst niemand.
Gedanken fliegen davon
"Im Vergleich zu ihren älteren Geschwistern, die erfolgreich das Gymnasium besuchen, benötigte unsere Tochter schon immer mehr Unterstützung", so Saskias Mutter. Oft musste sie bei Mitschülern nach den Hausaufgaben fragen, da die 10jährige vergessen hatte, sie aufzuschreiben. Und auch bei der Erledigung der Aufgaben war sie mit ihren Gedanken nicht immer bei der Sache. "Mit etwas Unterstützung funktionierte das Lernen aber eigentlich recht gut", erzählt die Mutter.
Obwohl die Viertklässlerin fleißig lernte und fast den ganzen Nachmittag mit Hausaufgaben verbrachte, nahmen ihre schulischen Leistungen stetig ab. "In den Klassenarbeiten war alles wie weggeblasen. Dabei habe ich es zu Hause noch gekonnt", klagt Saskia. Im Gegensatz zu ihren Mitschülern kann sie dem Unterricht nur über einen kurzen Zeitraum hinweg aufmerksam folgen. Auch im Alltag wirkt Saskia oft zerstreut. Erledigungen im Haushalt, die die Mutter ihr aufträgt, vergisst sie leicht und ständig geht etwas verloren.
Unbemerkter Leidensdruck
Auf die Lehrer wirkte die ruhige Schülerin - abgesehen von ihrer Träumerei und dem langsamen Arbeitstempo - unauffällig. Saskia dagegen litt stark unter den ständigen Misserfolgen. Sie hatte das Gefühl, nicht mit den klugen Geschwistern und Klassenkameraden mithalten zu können. "Abends konnte ich oft nicht einschlafen, weil ich so Bauch- und Kopfschmerzen hatte", erzählt Saskia. "Aber selbst Mama hat ständig mit mir geschimpft, weil ich immer wieder Sachen vergessen habe. Dabei habe ich mich so angestrengt, mir alles zu merken."
Saskias Mutter macht sich heute Vorwürfe, dass sie so oft barsch auf die Misserfolge des Kindes reagiert hat und ihr die klugen Geschwister immer wieder vor Augen führte. Rückblickend meint sie: "Wenn wir den Grund für Saskias Verhalten schon früher gekannt hätten, wäre uns allen viel Kummer erspart geblieben. Auch für uns war es schwer mit anzusehen, wie Saskia immer mehr an Selbstvertrauen und Lebensfreude verlor."
Neue Lebensfreude durch individuelle Therapie
Seit eine Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie bei Saskia eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität festgestellt hat, entspannt sich die Situation deutlich. Saskia macht nun eine Verhaltenstherapie und wird zusätzlich mit einem aufmerksamkeitsfördernden Medikament behandelt. Die Entscheidung ist dabei auf einen innovativen Wirkstoff gefallen, der nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und dessen Wirkung mit nur einer Tablette am Tag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen anhält. Eltern und Lehrer wurden darüber aufgeklärt, wie sie Saskia zu Hause und im Unterricht am besten unterstützen können. Seit sie Klassenarbeiten in der Zweiersituation schreiben darf, haben sich ihre schulischen Leistungen wesentlich verbessert. Nach den Sommerferien kann Saskia nun die Realschule besuchen.
Weitere Informationen über ADHS erhalten Sie unter
www.info-adhs.de.
Detlef Klemme
BLiCKpunkt Redaktionsbüro
Einfach nur verträumt?
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| Verträumt, abwesend, vergesslich - auch das können Anzeichen von ADHS sein. - Foto: Getty Images |
Aber Moment - ist ADHS nicht die Krankheit, bei der die Kinder nicht stillsitzen können und ständig dazwischen reden? Ja und nein: ADHS steht für die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Am auffälligsten und daher auch am bekanntesten ist die Form, bei der die Kinder - zumeist Jungen - immer in Bewegung und kaum zu bändigen sind. Mädchen leiden häufiger an der eher unauffälligen Variante dieser Erkrankung - auch ADS genannt -, die ohne Hyperaktivität einhergeht. Die Kinder gelten als verträumt oder abwesend und vergesslich. An eine behandlungsbedürftige Störung denkt oft zunächst niemand.
Gedanken fliegen davon
"Im Vergleich zu ihren älteren Geschwistern, die erfolgreich das Gymnasium besuchen, benötigte unsere Tochter schon immer mehr Unterstützung", so Saskias Mutter. Oft musste sie bei Mitschülern nach den Hausaufgaben fragen, da die 10jährige vergessen hatte, sie aufzuschreiben. Und auch bei der Erledigung der Aufgaben war sie mit ihren Gedanken nicht immer bei der Sache. "Mit etwas Unterstützung funktionierte das Lernen aber eigentlich recht gut", erzählt die Mutter.
Obwohl die Viertklässlerin fleißig lernte und fast den ganzen Nachmittag mit Hausaufgaben verbrachte, nahmen ihre schulischen Leistungen stetig ab. "In den Klassenarbeiten war alles wie weggeblasen. Dabei habe ich es zu Hause noch gekonnt", klagt Saskia. Im Gegensatz zu ihren Mitschülern kann sie dem Unterricht nur über einen kurzen Zeitraum hinweg aufmerksam folgen. Auch im Alltag wirkt Saskia oft zerstreut. Erledigungen im Haushalt, die die Mutter ihr aufträgt, vergisst sie leicht und ständig geht etwas verloren.
Unbemerkter Leidensdruck
Auf die Lehrer wirkte die ruhige Schülerin - abgesehen von ihrer Träumerei und dem langsamen Arbeitstempo - unauffällig. Saskia dagegen litt stark unter den ständigen Misserfolgen. Sie hatte das Gefühl, nicht mit den klugen Geschwistern und Klassenkameraden mithalten zu können. "Abends konnte ich oft nicht einschlafen, weil ich so Bauch- und Kopfschmerzen hatte", erzählt Saskia. "Aber selbst Mama hat ständig mit mir geschimpft, weil ich immer wieder Sachen vergessen habe. Dabei habe ich mich so angestrengt, mir alles zu merken."
Saskias Mutter macht sich heute Vorwürfe, dass sie so oft barsch auf die Misserfolge des Kindes reagiert hat und ihr die klugen Geschwister immer wieder vor Augen führte. Rückblickend meint sie: "Wenn wir den Grund für Saskias Verhalten schon früher gekannt hätten, wäre uns allen viel Kummer erspart geblieben. Auch für uns war es schwer mit anzusehen, wie Saskia immer mehr an Selbstvertrauen und Lebensfreude verlor."
Neue Lebensfreude durch individuelle Therapie
Seit eine Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie bei Saskia eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität festgestellt hat, entspannt sich die Situation deutlich. Saskia macht nun eine Verhaltenstherapie und wird zusätzlich mit einem aufmerksamkeitsfördernden Medikament behandelt. Die Entscheidung ist dabei auf einen innovativen Wirkstoff gefallen, der nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und dessen Wirkung mit nur einer Tablette am Tag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen anhält. Eltern und Lehrer wurden darüber aufgeklärt, wie sie Saskia zu Hause und im Unterricht am besten unterstützen können. Seit sie Klassenarbeiten in der Zweiersituation schreiben darf, haben sich ihre schulischen Leistungen wesentlich verbessert. Nach den Sommerferien kann Saskia nun die Realschule besuchen.
Weitere Informationen über ADHS erhalten Sie unter
www.info-adhs.de.Detlef Klemme
BLiCKpunkt Redaktionsbüro



